Seit ich in Kobe bin, behauptet der Wetterbericht auf meinem Handy stur, dass es übermorgen regnen würde. Seit drei Wochen. Mit der Zeit habe ich nicht mehr dran geglaubt, es schien immer die Sonne. In den letzten Tagen zogen aber mehr Wolken auf und heute morgen wurde ich mit Blitz und Donnerschlag geweckt.

Hat euch mein letztes Abenteuer von meiner Ankunft in Tokyo gefallen? Dann macht euch auf meine zweite Misere gefasst.

Manche sagen mir nach, ich plane alles genaustens, damit selbst wenn etwas schief geht, ich einen Plan B habe. Da ist grundsätzlich auch etwas dran, aber heute wäre ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass das überhaupt nicht stimmt.

Die Reise nach Takayama ist weit, ich wollte aber nicht den Zug benutzen, da er mir einfach zu teuer war. Deswegen entschied ich mich für einen Fernbus von Osaka aus. Die Fahrzeit sollte rund fünf Stunden betragen und es gibt zwei Busse pro Tag. Ich reservierte einen Sitzplatz ab Osaka per E-Mail. Die Busfirma (wenigstens haben sie eine englische Website) konnte mir selbst nicht genau sagen, wo die Haltestelle ist, ich sollte mich vor Ort erkundigen. Es kann ja nur eine von zwölf quer verstreuten sein. Irgendwo bei Higashi-Umeda hieß es.

Ich bin rechtzeitig aufgestanden und habe den Zug nach Osaka um 7 Uhr genommen, um um 7:20 in Osaka zu sein. Um 7:50 sollte der Bus kommen. Dann hätte ich genug Zeit, den Bus zu finden – dachte ich.

Kurz vor Osaka hielt der Special Rapid an einer Haltestelle an, eine Durchsage ertönte und fast alle verließen den Zug. Ich folgerte, dass der Zug auf unbestimmte Zeit nicht weiter fahren würde und folgte den Anderen zu einem andren Gleis. Dort konnte ich mit einem Local das letzte Stück zum Bahnhof von Osaka fahren.

Ich kam zehn Minuten später als geplant an. Ich hatte also nur noch 20 Minuten übrig. Nach kurzem Zurechtfinden fuhr ich drei Ebenen tiefer zu den U-Bahn-Stationen. Ich wusste, dass Higuashi-Umeda eine der U-Bahn-Haltestellen ist.

Der Bahnhof war natürlich wieder rappelvoll und die tausende Schilder mit fünfzig Ortsangaben in fünf Richtungen halfen mir kaum, mich zurechtzufinden.

Dann beging ich einen folgenschweren Fehler. Mein Gefühl sagte mir, es wäre doch eine gute Idee, dem Fernbus-Schild hinterherzulaufen. So kam ich auf die ganz andere Seite des Bahnhofs. Da ich nun schon so weit gelaufen bin, entschied ich mich wenigstens bis zum Ende zu laufen, damit ich wenigstens sicher sein konnte, dass das nicht doch der richtige Ort war.

Noch 10 Minuten. Am Ende der scheinbar endlosen Passage kam ich tatsächlich an eine Haltestelle für Fernbusse. Ein kurzes Gespräch bestätigte allerdings, dass ich falsch war. Noch 7 Minuten.

Mit Shinkansen-Tempo raste ich zurück durch den Bahnhof zur Higashi-Umeda-Station. Dort rannte ich an die Oberfläche, fand aber keine Bushaltestelle. 1 Minute. Zurück nach unten und an einem anderen Ausgang wieder hoch. Wieder nichts. Ein Bus fuhr an mir vorbei. Ziel: Kyoto. Glück gehabt, das war er nicht. Nach weiteren zwei Fehlschlägen fragte ich völlig außer Atem einen Angestellten. Er deutete nur in Richtung eines Ausgangs, aus dem ich, glaubte ich, schon gekommen war. 5 Minuten nach acht. Ich lief ein paar Schritte, da fuhr wieder ein Bus an mir vorbei. Ziel: Takayama.

Ich habe bis eben nichts anderes getan, als die Inkompetenz der Busfirma zu verfluchen und mir Gedanken gemacht, wie ich am besten vorgehen würde, jetzt da ich den Bus verpasst hatte.

Und er blinkte links. Und er hielt an einer Haltestelle an, wie es mir schien. Völlig außer Atem rannte ich zur Haltestelle und versuchte dem Busfahrer zu erklären, wieso ich zu spät war. Er schien mich nicht ganz zu verstehen und redete stattdessen davon, dass es ihm leid täte, dass der Bus Verspätung hatte. Ist mir sehr recht, dachte ich. Ich stand tatsächlich auf der Liste, in der ersten Reihe. Uff… Japan ist unberechenbar.


Es beruhigt mich ungemein, dass der Fahrer an jeder roten Ampel entweder aufsprang und durch den Bus lief, um die Passagierzahl zu überprüfen oder in den Atlas schaute, obwohl er ein Navi besaß.

Sieben Stunden später (und zwei Stunden zu spät) kam ich in Takayama an. Natürlich war mein bereits geplanter Bus nach Shirakawa-go längst weg, also kaufte ich mir ein Ticket für den nächsten Bus. So verlor ich zwei Stunden wertvolle Zeit, denn ich hatte nur den heutigen Abend und den Morgen des nächsten Tages.

Aber was will ich in Shirakawa-go, einem einsamen Bergdorf in den japanischen Bergen? Ich bin Tourist, das beantwortet jede Frage. Die Häuser haben einen besonderen Baustil, genannt Gassho Zukuri, der sogar als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt wurde. Die Häuser sind drei bis vier Stockwerke hoch und haben ein spitzes Strohdach, dass verhindert, dass der Schnee liegen bleibt. Die Form erinnert an zum Gebet gefaltete Hände. Rund 600 Menschen leben noch hier, aber die Stadt lebt hauptsächlich vom Tourismus.

Endlich kam ich in Shirakawa-go an. Es ist wie in einer anderen Welt. Keine Fabriken, keine Hochhäuser, keine Großstadt, nur ein kleines Dorf in den Bergen.

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Über eine Hängebrücke überquerte ich den Bach und lief ans südliche Ende der Stadt, um meine Herberge aufzusuchen. Einige Häuser bieten Übernachtungen mit zwei Mahlzeiten an, so auch das Shimizu, das Haus, dass ich mir ausgesucht hatte.
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Es wurde bald dunkel, deswegen machte ich mich gleich wieder auf, um mir die Häuser bei Tageslicht zu besehen.
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dsc_9515Der Schrein wurde leider gerade renoviert.

Am anderen Ende der Stadt befand sich eine Aussichtsplattform, von der man das ganze Dorf sehen konnte.
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Zurück in meiner Unterkunft gab es Abendessen. Wir waren insgesamt sechs Gäste: Drei Engländer, zwei Japaner und ich. Mit beiden Gruppen habe ich mich gut unterhalten, teils auf englisch, teils auf japanisch. Das Abendessen sah wieder einmal köstlich aus, und das war es auch. Es gab sogar einen Topf, in dem Hida-Rind vor sich hin köchelte.
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Nach dem Abendessen hatte ich vor, ins Onsen auf der anderen Seite des Dorfs zu gehen. Die beiden Japaner wollten auch gehen und so liefen wir zusammen durch das stille Dorf. Es war schon dunkel und der Himmel war klar, so dass man die Sterne sehen konnte – auch kleine und lichtschwache, die man in Großstädten nie beobachten kann. Um uns nicht zu verirren, gab uns die Besitzerin drei Taschenlampen mit. Meine gab aber schon fast den Geist auf.

Im Shirakawa-go no Yu angekommen, folgten wir der üblichen Prozedur. Schuhe aus, bezahlen, Umkleide und in den Waschbereich gehen. Danach auf den Hockern neben dem Becken gewaschen. Diesmal konnte ich mich schnell an die Wassertemperatur gewöhnen, was aber nicht heißen soll, dass es kälter als in Arima war. Auch hier konnte sich keiner das “あつい” beim Hineingehen verkneifen, mich eingeschlossen. Dieses Onsen hatte auch ein Außenbecken. Yatta! Nach einer Weile im Innenbecken wechselten wir ins Außenbecken. Als ich gerade versuchte, den beiden (auf japanisch) zu erklären, was das Oktoberfest ist, fragte mich ein anderer Mann, ob ich Deutscher sei. Wir haben auch noch etwas geplaudert, sogar mal auf englisch.

Sehr enttäuscht waren wir, als wir nach dem Baden keine Milch mehr trinken konnten, denn der Automat war schon leer.

Zurück zu Hause versuchte ich, aus den sieben Lagen des Futons einen Schlafplatz zu konstruieren. Ich gab aber letztlich auf und fragte einen der beiden Japaner, mir zu helfen. Der war selbst ratlos uns holte seinen Freund dazu. Zusammen schafften wir es dann. Ich muss sagen, das ist sogar ziemlich gemütlich.
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Die Nacht habe ich entspannt schlafen können, man hörte nur das Bachrauschen und das Zirpen der Zikaden. Und ab und zu eine Mücke, die durch das Fliegengitter geschlüpft ist.

Am nächsten Morgen gab es ein Frühstück japanischer Art, auch wieder sehr lecker. Am Interessantesten fand ich die Misopaste auf einem Ahornblatt, die über der Kerzenflamme warm gehalten wurde.
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Danach verließ ich meine Unterkunft und schaute mich noch etwas in Shirakawa-go um. Zuerst ging ich in den Schrein und dem dazugehörigen Museum. Dort wurde ein Film über das jährliche Festival im Herbst gezeigt. Es ist unter anderem Brauch, einen speziellen Sake zu brauen, den man aber nicht filtert, sondern ihn in seiner “reinen” Form trinkt.

Man durfte diesen Sake auch probieren. Ich muss sagen, er schmeckt wirklich etwas besonders. Er ist saurer als normaler Sake und hat eine milchige Farbe.
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Danach besuchte ich das Freilichtmuseum. Dort konnte man einige Häuser besichtigen und zusehen, was damals produziert wurde.


Die Zeit verging viel zu schnell, denn der Bus stand schon bereit, um mich nach Takayama zu bringen. Dort hatte ich drei Stunden Zeit, mir die Stadt anzuschauen, bevor ich nach Osaka zurückfahren würde.

Dummerweise fing es gerade an zu tröpfeln, also flüchtete ich mich zu ein paar zusammengelegten Geschäften. Um Zeit zu vertreiben setzte ich mich in ein Café und aß ein Stück Maccha-Kuchen.

Als es aufgehört hatte zu regnen, machte ich mich in den Osten der Stadt auf. Dort liegen einige Tempel und Schreine, die ich mir angesehen habe.
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Als ich mir auch das angesehen hatte, ging ich zurück zum Bahnhof und setzte mich in die Wartehalle der Busfirma. Dort gab es Internet und so habe ich mich wieder auf den neusten Stand gebracht. Anscheinend gab es in Hokkaido ein Erdbeben der Stärke 7, davon habe ich hier aber nichts gespürt.

Gerade als ich in den Bus stieg, fing es an zu tröpfeln. Auf der Fahrt verwandelte sich das Tröpfeln in einen Wasserfall. Es schüttete wie aus Eimern, die Straße war nass und in den Flüssen sammelte sich das Wasser.

Je weiter wir fuhren, desto besser wurde das Wetter. Es hörte bald auf zu regnen, die Sonne kam wieder zum Vorschein und man konnte sogar für kurze Zeit einen Regenbogen sehen.

Auf dem Weg nach Kyoto steckten wir wieder im Stau, 30 km lang hieß es an einer Stelle. Die Sonne ist inzwischen untergegangen und wir rollten in Schneckentempo unserem Ziel entgegen.

Um halb 11 kamen wir in Kyoto an. 22:30. Acht Stunden unterwegs. Der Stau dauerte ewig. Und wir waren nur in Kyoto und noch nicht in Osaka.

Es war Zeit, Plan C einzusetzen, dachte ich. Ich stieg in Kyoto aus und nahm den Limited Express nach Osaka. Der brachte mich in unter 20 Minuten nach Osaka, wofür der Bus bestimmt eine bis zwei Stunden gebraucht hätte. Den Aufpreis zahlte ich gerne, bevor ich den letzten Zug verpasst und die Nacht in Osaka hätte verbringen müssen.

Der Limited Express ist die zweitschnellste Zugklasse nach den Shinkansen. Die meisten Sitze sind reserviert, aber es gibt auch ein paar nicht-reservierter Waggons. Man muss einen Express-Aufschlag zahlen.

Kaum in Osaka angekommen, kam schon ein Special Rapid, um mich nach Kobe zu bringen. Hätte ich nicht den Limited Express genommen, würde ich immer noch in Kyoto versauern, oder noch schlimmer in diesem schlecht klimatisierten Bus sitzen.

Everything according to keikaku.

Um Mitternacht ließ ich mich in mein Bett fallen. Zum Glück konnte ich am nächsten Tag ausschlafen.

Ich hasse liebe diese Abenteuer…

Das schönste, abgelegenste Dorf Japans
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